Zeitverschwendend oder Freizeitnot lindernd

Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung
2. Adorno - Fernsehen und Kulturindustrie
3. Langenbucher und Anders - Fernsehen und Freizeit
4. Die Thesen der drei Autoren angewendet auf die neuen Medien
4.1. Neue Medien und manipulative Ablenkung
4.2. Neue Medien und Freizeit-Not
4.3. Neue Medien und Umweltschonung durch Medienkonsum
5. Fazit
Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Von der Kritik Theodor W. Adornos am Fernsehen, welches die Zuschauer im Sinne der Herrschenden manipulieren wolle, soll die Betrachtung hier zur von Wolfgang R. Langenbucher beschriebenen Notwenigkeit einer billigen (und umweltschonenden!) (vgl. Langenbucher 1986: 17-18) Unterhaltung für die Massen führen. Zwischenschritt wird dabei Günther Anders' Freizeit-Theorie sein. Abschliessen soll diese Arbeit mit einer Einschätzung der Zukunft der audio-visuellen Massenmedien, seien es Zwei-Wege-Netzmedien, oder Berieselungsapparate in modernisierter Form.

Adorno spricht vom Massenmedium Fernsehen als von einem Apparat, welcher die Zuschauer "nach der Massenproduktion modeln" (Adorno 1953a: 7) wolle. Hingegen ist Fernsehen für andere, spätere Betrachter der Situation, wie Günther Anders - bzw. Wolfgang R. Langenbucher - die Tatsache, bzw. sogar die Notwendigkeit einer billigen Unterhaltung bei immer mehr Freizeit.

Welche Faktoren jeweils für die Autoren entscheidend sind, soll am Anfang dieser Arbeit stehen. Welche Argumente trägt Adorno vor, die überzeugen könnten, dass das Fernsehen Zeitverschwendung auf dem Weg zur besseren Gesellschaft ist (Kapitel 2.) - und wie begründen Anders und Langenbucher den heilsbringenden Charakter des Fernsehens (Kapitel 3.).

Die dann schnappschussartig zusammengetragenen Pros und Contras des Fernsehens im althergebrachten Sinne eines passiven Berieselungsmediums können vielleicht zu einer Einschätzung der Zukunft der neuen audio-visuellen Medienbeitragen, wie sie gerade seit Mitte der Neunziger Jahre (mit der gross angelegten Öffnung des Internets), rasant die technischen Möglichkeiten ausschöpfend, verfügbar sind.

Die Zusammenstellung der behandelten Autoren gründet auf den Ergebnissen einer Literaturrecherche, welche das Ziel hatte, verschiedene Sichtweisen auf das Phänomen Fernsehen zu sammeln.

2. Adorno - Fernsehen und Kulturindustrie

Theodor W. Adorno stellt in seinen Arbeiten "Prolog zum Fernsehen" (Adorno 1953a) und "Fernsehen als Ideologie" (Adorno 1953b) zu den Anfängen des Fernsehens, erschienen in der "Rundfunk und Fernsehen", klar heraus, dass das Fernsehen seiner Meinung nach nicht von den richtigen Menschen angeboten wird. So heisst es bei ihm, hier Bezug nehmend auf die von Sigmund Freud beschriebene ständige unbewusste Verdrängung der Triebregungen, dass diese:

"Sisyphusarbeitder individuellen Triebökonomie heute [..] sozialisiert scheint, von den Institutionen der Kulturindustrie in eigene Regie genommen, zum Vorteil der Institutionen und der mächtigen Interessen, die hinter ihnen stehen. Dazu trägt das Fernsehen, so wie es ist, das Seine bei. Je vollständiger die Welt als Erscheinung, desto undurchdringlicher die Erscheinung als Ideologie." (Adorno 1953a:2)

Auf diesen ersten Blick ist das Fernsehen bei Adorno also eine böswillig in Szene gesetzte Technik, den Zuschauern, wie es an anderer Stelle heisst, "das Bewusssein zurückzubilden" (Adorno 1953a: 4). Dieser Eindruck kann noch verstärkt werden, betrachtet man Adornos Arbeit "Kulturindustrie - Aufklärung als Massenbetrug", in der, im Zusammenhang mit Technik im Allgemeinen, von "Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis" (Adorno 1947: 145) die Rede ist, welche das System bestärkten, in dem die Reichen das Sagen haben[1] (vgl. Adorno 1947:145). Der Eindruck kann aber auch relativiert werden, unter Berücksichtigung Adornos Einschätzung:

"[...] Fernsehen als Ideologie ist nicht Sache des bösen Willens, vielleicht nicht einmal der Inkompetenz der Beteiligten [...]" (Adorno 1953b:11)

sondern:

"[...] vom objektiven Ungeist erzwungen [...]" (Adorno 1953b: 11)

Der beschriebene Terminus "Fernsehen als Ideologie" meint, so kann man es zusammenstellen: zunächst die von Adorno angezeigte "Verfilzung" der "Kulturindustrie ...mit mächtigeren Interessen" (beides Adorno 1953b: 11). Diese "Interessen" werden zur gelebten Ideologie, dort wo sie auf das "schwache Volk" (der Verf.) treffen, während die Inhaber der "mächtigen Interessen" selbst nicht nach dem Ideal leben:

"Wie freilich die Beherrschten die Moral, die ihnen von den Herrschenden kam, stets ernster nahmen als diese selbst, verfallen heute die betrogenen Massen mehr noch als die Erfolgreichen dem Mythos des Erfolgs." (Aus "Kulturindustrie - Aufklärung als Massenbetrug"; Adorno 1947:159)

Der Begriff "Ideologie" meint in diesem Sinne einen von Kapitalismus-Kritikern, wie offenbar von Adorno, dem Kapitalismus attestierten Mechanismus aus Schein und Sein, in dem:

"die Arbeiter, die eigentlichen Ernährer [..], so will es der ideologische Schein, von den Wirtschaftsführern, den Ernährten, ernährt werden." (Adorno 1947: 179)

Die Medien haben dabei die Funktion:

"[...] ihm (dem Konsumenten, der Verf.) keinen Augenblick die Ahnung von der Möglichkeit des Widerstands zu geben." (Adorno 1947: 168)

Gleichzeitig folgen sie dem "Prinzip" (Adorno 1947: 168), dem Konsumenten:

"[...] zwar alle Bedürfnisse als von der Kulturindustrie erfüllbare vorzustellen, auf der anderen Seite aber diese Bedürfnisse vorweg so einzurichten, dass er in ihnen sich selbst nur noch als ewigen Konsumenten, als Objekt der Kulturindustrie erfährt." (Adorno 1947:169)

Willem van Reijen schreibt in Adornos Werk einführend davon, dass Philosophie nach Adornos Auffassung "die Neuordnung unserer Wahrnehmung und Erfahrung" (Reijen 1990: 10) zur Aufgabe hat, da die Wahrnehmung träge, bisweilen starr ist, und einmal einstudierte Wahrnehmungsmuster in Situationen zum Tragen kommen, für die sie nicht adäquat sind.

Dieses kurz auf den von Adorno beschriebenen ideologischen Charakter des Fernsehens angewendet, könnte für ihn bedeutet haben, Fernsehen habe im Sinne einer ideologiefernen, d.h. einer offenen, wahrheitsflexiblen Gesellschaft, die Aufgabe, die weiter oben beschriebenen starren (erlebten) Wahrheiten von der Notwendigkeit der materiellen Zurückhaltung aufzubrechen und neu zu ordnen. Ein revolutionärer Ansatz welcher, wird die beim Individuum ansetzende Logik vernachlässigt, offenbar leicht als Aufruf zur Gewalt missverstanden werden kann.

3. Langenbucher und Anders - Fernsehen und Freizeit

Es wird hier nicht geklärt werden, ob Adorno Fernsehen als Technik ablehnt, oder nur seine Machart. Im Grunde kann aber wohl gesagt werden, dass er vom Fernsehen vor allem, wenn nicht ausschliesslich, Negatives erwartete. Andere Autoren haben - wenn auch mit hier und da erkennbarem Augenzwinkern - hingegen auch lobende Worte für das Fernsehen.

Die positiven Einschätzungen, so fällt es auf, sind vor allem zeitlich rückwärts gewand zu finden. Im Sinne eines: "Was wäre heute, wenn es das Fernsehen nicht gegeben hätte?" - so zu finden bei Wolfgang R. Langenbucher:

"So gilt wohl: Die Industriegesellschaften konnten in den letzten 30 Jahren ihre Freizeitprobleme psychologisch, ökonomisch und ökologischlösen, weil der grösste Teil der freien Zeit durch das Fernsehen absorbiert wurde." (Langenbucher 1986: 17)

Dabei bezieht er sich theoretisch auf das Mitte der 50er Jahre erschienene Werk "Die Antiquiertheit des Menschen" von Günther Anders. Bei Anders heisst es nämlich vorausschauend:

"Dies auch (Freiheit als Not, Anm. v. Verf.) der Grund für die Nachfrage nach Konsummitteln, die pausenlos konsumiert werden können; die also die Gefahr der Sättigung nicht in sich bergen. Ich sage "Gefahr", weil Sattsein die Genusszeit ja limitieren, also dialektischerweise wieder in Nicht-Konsumieren, also in Not umschlagen würde: dies die Erklärung für die Rolle des niemals endenden Gums und des noch und noch weiterlaufenden Radios." (Anders 1956: 140)

Mit dem wachsenden Wohlstand der frühen Bundesrepublik steht mehr Freizeit zur Verfügung. Diese muss offenbar ausgefüllt werden. Und da ist für Anders, wie für Adorno, der berieselnde Medienkonsum ein Übel, für Langenbucher jedoch das kleinere. Denn, so Langenbucher:

"Man stelle sich vor, ähnliches (wie der rücksichtslose Umgang mit Ressourcen beim Reisen, Anm. d. Verf.) hätte sich - ohne das funktionale äquivalent Fernsehen - in der Entwicklung kommunaler Freizeitangebote, in der Altenbetreuung, in der Errichtung von Kommunikationszentren oder in der Einrichtung von Sportplätzen abgespielt." (Langenbucher 1986: 18)

Da seien Rundfunkgebühren, gelinde gesagt, günstiger. Und zwar nicht nur individuell, sondern auch kollektiv.

Langenbucher schliesst diese Frage mit dem Ausblick auf eine 1986 offenbar "zunehmende Kontaktfreudigkeit und Geselligkeit" (Langenbucher 1986: 18) ab. Sie könnten "ein Indiz für das Ende des Fernsehzeitalters[2]" (ebd.: 18) sein.

Langenbucher könnte hier Recht und Unrecht zugleich gehabt haben, betrachtet man nämlich die Entwicklung der neuen Medien, mit denen die Nutzer auf der einen Seite in Kontakt zueinander treten können. Zunehmende Kontaktfreudigkeit und Geselligkeit benötigt in diesem Sinne aber auf der anderen Seite immer noch den Monitor; das - oder die - Gegenüber werden wie beim Fernsehen, im eigentlichen Sinne, "in der Ferne gesehen".

4. Die Thesen der drei Autoren angewendet auf die neuen Medien

Es wurde in dieser Arbeit gezeigt, wie Fernsehen:
manipulativ vom Verbessern der Welt zu den eigenen Gunsten ablenken könnte (Adorno), die Freizeit-Not "lindern" könnte (Anders) und die so gelinderte Freizeit-Not Kassen und Umwelt schonen könnte (Langenbucher).

Diese drei Einschätzungen auf die neuen Medien anzuwenden und miteinander zu verquicken wird im Folgenden versucht.

4.1. Neue Medien und manipulative Ablenkung

Die hier zu Grunde liegenden Annahmen von Theodor W. Adorno (Kapitel 2.) zeichnen einen negativen Status Quo der Mehrheit der in kapitalistischen Gesellschaften lebenden Menschen, vor allen Dingen der deutschen und US-amerikanischen, in den späten 40er- und in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie sind in seinen Augen nicht in der Lage, zwischen Schein und Sein zu unterscheiden:

"Jene fatale Nähe des Fernsehens [...] vernebelt obendrein die reale Entfremdung zwischen den Menschen und zwischen den Menschen und Dingen." (Adorno 1953a: 4)

Ob dies damals zutreffend war, wird von hier nicht im Ansatz beurteilt. Um die heutige Situation zu beschreiben, hilft es vielleicht, auf das Erleben des Fernsehens durch den Zuschauer zu zoomen, um danach in einer Totalen die Macher des Fernsehens zu suchen; um zunächst zu sehen, dass der Zuschauer abgelenkt werden kann - daraufhin, wer da (warum) ablenken könnte.

Fernsehen kann Aufmerksamkeitsintensiv sein. Gerade wenn Gründe zum Fernsehen zum tragen kommen wie Einsamkeit, Langeweile oder Unterhaltungsbedürfnis. Wer aus diesen Motiven heraus fernsieht hat wahrscheinlich gute Chancen, seine Bedürfnisse zu stillen. Indem die ganze Aufmerksamkeit, die Gefühle und Teile der Körperwahrnehmung in das von der Mattscheibe und den Lautsprechern produzierte Gesamtbild abdriften, schaltet der Mensch wohl aber auch auf Empfang für allerlei Botschaften.

Wer sendet diese Botschaften beim Fernsehen und wie verhält es sich beim Internet? Zum ersten Teil dieser Frage sei hier die Einschätzung Hans-Jürgen Jakobs angeführt. Zu den - seiner Meinung nach eigentlichen - Programmverantwortlichen beim Privatfernsehen, den Geldgebern, hat er, in Bezug auf Tabu-brechende Programme, folgendes zu sagen:

"Sie sitzen in grossen Konzernen und pumpen Milliarden von Euro in die Werbung. Sie könnten das schlimmste verhindern - denn ohne ihr Geld ginge das Licht im Big-Brother-[3]Containeraus [...]" (Jakobs 2004: o. S.)

Im Gegensatz zu Adorno hat Jakobs also wieder Hoffnung. Während Adorno die Zuschauer in der Pflicht sah, den seiner Meinung nach hinter den Programmen stehenden Interessen den Wind aus den Segeln zu nehmen, sieht Jakobs Verbesserungsmöglichkeiten bei den Anbietern.

Bei den neuen Medien, genauer: den neuesten Medien[4], wird die Frage ungleich komplizierter zu beantworten, ob der Zuschauer (oder: User/Benutzer) für das Programm (oder: die Inhalte) verantwortlich ist, oder der Anbieter. Der Versuch wird hier ausgelassen. Und bei der Frage nach der manipulativen Ablenkung durch das Internet bleibt dem Verfasser nur Heuristik: Wenn das Fernsehen manipulativ abzulenken vermag, so kann es das Internet auch – trotz aller Unterschiede in Fragen der Interaktivität - auf Grund des hohen Verwandtschaftgrades von Fernseher und Computer.

So kann man das Bild zeichnen, in dem zum relativ überschaubaren Fernsehprogramm die kleine Fernbedienung gehört, während das schon unüberschaubare Internetangebot eben die Computertastatur benötigt, mit dem ganzen Alphabet, vielen Sonderzeichen und der dazu gehörenden Computermaus.

4.2. Neue Medien und Freizeit-Not

Die modernen Medienkonsum-Gewohnheiten stellt Günther Anders vor rund 50 Jahren bereits, mit heutiger Gültigkeit, als "Simultan-Konsum" gelieferter "niveaumässig" und "stimmungsmässig" "völlig disperater Elemente" (alles Anders 1956: 141). Es wurden seinerzeit jedoch nicht nur durch die parallele Aufnahme etwa von Fernsehbild, gesprochenem Fernsehton und Musik aus dem Radio mehr Inhalte aus der Ferne empfangen. Auch die Gesamtzeit des "Besetztseins" "jedes Organs" (beides Anders 1956:139) nimmt offenbar zu.

Dieser weitgehende Anschluss der Sinnesorgane an verstärkte und übertragene, oder gar virtuelle Reize, ist heute wohl noch besser möglich. Für 4% der Internetnutzer- oder theoretisch 1,5 Millionen Deutsche - wird diese Möglichkeit laut einer Studie des Massachusetts Institute of Technology sogar zur Falle (vgl. Massachusetts Institute of Technology; nach Schmieder 2007/ Süddeutsche Zeitung: o. S.). Sie werden in einem pathologischen Sinne Internetabhängig (=Internetsüchtig; so wird in der Studie eingestuft, wer mehr als 35 Stunden pro Woche im Internet aktiv ist). Das konsumtheoretische Super-Kaugummi Internet (in Anlehnung an Anders; S. 5 dieser Arbeit) lässt aber viele auch einfach kalt. Computer sind nicht so sehr jedermanns Sache wie etwa das Fernsehen, ebensowie Hybrid-Formen aus TV und Internet (etwa Fernseher, die über einen Internetanschluss Programme empfangen) (vgl. Schnedler 2006: 23ff).

Wie bei Adorno (Kapitel 4.1.) gilt hier auch für Anders, dass das Zutreffen seiner Einschätzungen kaum einer Gültigkeitsüberprüfung unterzogen werden kann. Etwa, dass der Arbeitnehmer an sich in 50er Jahren des 20. Jahrhunderts unter dem "horror vacui"[5] - die Angst vor Selbständigkeit und Freiheit zu leiden hatte. Doch für die Gegenwart müsste eine erneuerte Einschätzung möglich sein:

Viel ist die Rede davon, der moderne Bürger müsse sich auf ein Leben ohne Konstanz, etwa in Wohnort und Arbeitsplatz, einstellen (vgl. Roeder 2002: 28). Dies lässt erwarten, dass das folgende Moment nachlässt zu wirken, bei dem:

"Seine Arbeit [..] ihn so endgültig daran gewöhnt hat, beschäftigt zu werden, also unselbständig zu sein, dass er im Moment, in dem die Arbeit beendet ist, der Aufgabe, sich selbst zu beschäftigen, nicht gewachsen ist [...]. (Anders 1956: 139)

Es ist also, nach eigener Einschätzung, davon auszugehen, dass Anders These für einen Teil der Bürger, insbesondere der Arbeitenden, heute auch zutrifft, in dem Sinne, dass sie sich die Freizeitgestaltung von den Medienschaffenden abnehmen lassen. Ein anderer Teil ist aber als zunehmend Mediensouverän anzusehen, wobei die auf Abruf ins Haus kommenden Medien eine Hilfe sein dürften.

4.3. Neue Medien und Umweltschonung durch Medienkonsum

Das Internet, als das audio-visuelle Medium des anfangenden 21. Jahrhunderts sollte, wenn der von Langenbucher attestierte umweltschonende Charakter beim Fernsehen - statt Reisen, individueller Altenbetreuung, Motorsport, usw. usf. - zutrifft, ähnliche "positive" Auswirkungen haben. Was bei Langenbucher nicht zur Sprache kam, sind die Mengen an Elektroschrott die die Erfindung des Fernsehers mit sich brachte. Vielleicht liegt dieses Moment beim Computer noch höher.

Aber um was es wohl eigentlich geht ist die Frage, wie sich die Gesellschaft entwickelt hätte, wenn es keine Erfindung eines Fernsehmediums gegeben hätte; wie abhängig die menschliche Entwicklung von durchschnittlich rund 200 Minuten täglichem auf-die-Mattscheibe-Starren war. Die Antwort kann nach Einschätzung des Verfassers tatsächlich lauten: Die Entwicklung war sehr abhängig davon.

Spontan kann einem diesbezüglich einfallen, dass ein durch das Fernsehen entstandener gemeinsamer Medien-Erfahrungs-Pool womöglich die Alltagskommunikation erleichterte, oder dass die möglich gewordene schnelle Verbreitung schlechter Nachrichten, etwa über Seuchen, viele davor bewahrt hat, selbe Fehler wie andere zu begehen.

Müssig darüber nachzudenken, ob es beider Veränderungen bedürft hätte, wäre das Fernsehen nicht erfunden worden. Womöglich wäre aber viel Zeit zum Entwickeln ganz anderer Technologien frei geblieben, seien es Entwicklungen im materiellen oder im sozialen Bereich.

In gewisser Weise ist das Fernsehen eine Weiterführung des bedruckten Papiers, gar der Höhlenmalerei. Alle drei Techniken sind im Kern die Reproduktion von Inhalten der realen oder virtuellen Welt. Um es auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen: Sie lassen das Abbild von etwas in räumlicher und/ oder zeitlicher Ferne sehen. Der Stopp der menschlichen Entwicklung in Punkto medial vermittelter Kommunikation scheint unwahrscheinlich.

Die hier vorgestellte Idee, vorgetragen von Langenbucher, mit der Kern-Frage: "Was wäre wenn...?" ist also auf eine Kulturtechnik wie das "Fern-Sehen", ohne der Menschheit einen kollektiven Gedächtnisverlust anzudichten, nicht viel weiterführbar.

Nichts desto trotz hat die Kernthese Langenbuchers Gewicht, dass das Fernsehen zu gewissen Ersparnissen führt. Sie bedeutet wohl eigentlich, dass viele Erfahrungen, etwa der Eindruck ferner Landschaften oder der von manchem attestierte Nervenkitzel beim Motorsport so von Wenigen mit der Kamera übertragen werden kann, und von Vielen beobachtet.

5. Fazit

Grundlegend bei der Bewertung der vorgestellten Autoren ist ihr jeweiliges aktualitätsbezogenes Menschenbild: Soll er unter den gegebenen Umstände im Sinne des gesellschaftlichen Systems funktionieren und an ihm weiterbauen, oder soll er die Umstände als Anlass nehmen an seiner Funktion zu zweifeln, mit dem Ziel das System umzubauen, könnte die Frage lauten.

Die klarste Antwort - wenn auch für die 1950er Jahre - gibt hierauf Theodor W. Adorno, indem er den Zuschauer dazu aufruft sich selbst und die Kulturmechanismen zu hinterfragen. Voraussetzung hierzu ist die Einschätzung, der Zustand der Gesellschaft sei nicht akzeptabel, und das Fernsehen ist ein Grund dafür. Wolfgang R. Langenbucher positioniert sich in Richtung des anderen Pols. Für die 1980er Jahre schätzt er die Lage der Gesellschaft in Punkten positiv ein, oder genauer: Glück hat sie (seinem Text nach zu urteilen) gehabt, dass das Fernsehen erfunden wurde.

Ob die Gesellschaft in diesem Sinne auch mit der Veröffentlichung des Netz-Mediums Glück hat liegt im besten Fall in der Hand der Gesellschaft selbst. Es wurde schon angedeutet (S. 9 dieser Arbeit): Der alte Fernseher unterstützt die audio-visuellen Sinnesorgane, der neue "Fern-Seher" (Computer mit Internetanschluss) zusätzlich das eigene Mitteilungsvermögen.

Heute lebt bereits eine Vielzahl der Menschen die wache Zeit zum grossen Teil in der Fernsehwelt. Hinzu kommen diejenigen, welche in der Computerwelt leben. Wahrscheinlich ist der Anteil des medial vermittelten Lebens noch nicht gesättigt.


Literaturverzeichnis

Langenbucher, Wolfgang R. (1986): Fernsehen als epochales Phänomen- Oder: Vom Nutzen der Kulturkritik für die Erforschunglangfristiger Medienwirkungen, In: Hickethier, Knut (Hg.) (1992): Fernsehen - Wahrnehmungswelt, Programminstitution und Marktkonkurrenz, Frankfurt a. M.: Peter Lang, 15-22.

Adorno, Theodor W. (1953a): Prolog zum Fernsehen, In: Hans-Bredow-Institut (Hg.) (1953): Rundfunk und Fernsehen, Heft 2, Jahrgang 1953, Hamburg: HBI, 1-8.

Adorno, Theodor W. (1953b): Fernsehen als Ideologie, In: Hans-Bredow-Institut (Hg.) (1953): Rundfunk und Fernsehen, Heft 4, Jahrgang 1953, Hamburg: HBI, 1-11.

Adorno, Theodor W. (1947): Kulturindustrie - Aufklärung als Massenbetrug, In: Horkheimer, Max/ Theodor W. Adorno (Hg.) (1947): Dialektik der Aufklärung, Amsterdam, Querido, 145-198.

Reijen, Wilhelm van (1990): Adorno zur Einführung, Hamburg: Junius.

Anders, Günther (1956): Die Antiquiertheit des Menschen - Band1 - über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München: Beck.

Jakobs, Hans-Jürgen (2004): Doof-TV - Die Zukunft desFernsehens sieht nicht etwa düster aus, sondern wie der Depp des Tages: bunt, laut, schamlos und ohne Hirn. Wir Armen., In: Süddeutsche Zeitung, 2004, Nr. 199, o. S..

Schmieder, Jürgen (2007): Die an der Computer-Nadel hängen - Mehr als 1,5 Millionen Deutsche werden als Internet-süchtig eingestuft. Als letzter Ausweg bleibt nur der Entzug., http://www.sueddeutsche.de/computer/artikel/571/107464/article.html, gefunden am: 30. 3. 2007.

Schnedler, Thomas (2006): Die Content-Falle - Journalismus in der digitalen Medienwelt, In: MainzerMedienDisput (Hg.): Zum 11. MainzerMedienDisput, MGS Marketing GmbH: Hardert, 23-29.

Roeder, Jürgen H. (2002): Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei erwerbsbedingten Mobilitätserfordernissen, http://www.beruf-und-familie.de, gefunden am: 31. 3. 2007.