Liegt in der gleichzeitigen Übertragung von Ereignissen in verschiedenen Ländern und Kanälen das Potenzial eines Weltfernsehsenders? Zu dieser Frage hier ein Text: "Zum Wesen von Medienereignissen". Von Felix Longolius

Inhaltsverzeichnis:

1. Der Aufsatz „Medienereignisse" und was hier davon abgeleitet werden soll
2. Merkmale eines Medienereignisses
2.1 Denotative und konnotative Verarbeitung des Ereignisses
2.2 Fernsehübertragung ist kein Journalismus
2.3 Die Trickkiste der Fernsehmacher
3. Über die Struktur des Fernsehens auf der Welt
3.1 Nord-Amerika
3.2 Lateinamerika
3.3 Die arabischsprachigen Länder
3.4 Asien
3.5 Australien
3.6 Afrika
3.7 Europa
4. Zentralisierung bei Bild- und Tonregie – aber nicht beim Kommentar
Literaturverzeichnis

 

1. Der Aufsatz „Medienereignisse" und was hier davon abgeleitet werden soll

Daniel Dayan und Elihu Katz führen in ihrem Aufsatz „Medienereignisse" [1] in die Welt der Fernsehübertragung ein und beenden ihren Aufsatz mit der Frage, ob es sich beim Medienereignis um eine Art „Diaspora-Zeremonie" (Dayan, Katz 1987: 452) handelt, also eine gemeinsame Erfahrung für eine zerstreute Gemeinschaft, die doch zusammengehört. Hier wird nun versucht, die Definition von Medienereignissen der beiden Autoren nachzuzeichnen, unter besonderem Augenmerk auf Elemente, welche auf eine mögliche Intention der Fernsehmacher hindeuten, das Publikum zu harmonisieren.

Des weiteren erfolgt hier der Versuch, die Kanäle durch welche die Fernsehübertragungen zu Ihrem Publikum gelangen, aufzuzeigen und die Frage zu untersuchen, ob die Programme - zusammen gesehen - durch die zentralisierte Bild- und Tonregie bei Großereignissen einen großen (Welt-)Fernsehsender bilden, oder in wieweit sie durch unterschiedliche Kommentare und unterschiedliche Vor- und Nachberichterstattung in allen Ländern und Fernsehkanälen zu unterscheiden sind.

2. Merkmale eines Medienereignisses

Fernsehübertragungen von Ereignissen erzeugen eine Öffentlichkeit. Um diese herzustellen kennzeichnen Dayan und Katz das Wesen einer gelungenen, bzw. typischen TV-Präsentation als für den Zuschauer definitorisch und interpretierend agierend. Außerdem beschreiben die Autoren, auf welchen Wegen den Ereignissen durch die Fernsehübertragung absolute gesellschaftliche Priorität zuerkannt wird.

2.1 Denotative und konnotative Verarbeitung des Ereignisses

Denotativ, also mit neutraler Bedeutung, hier auch: neutraler Betonung durch Bildregie und Kommentar werden die kennzeichnenden Charakterzüge des Ereignisses übermittelt. Dazu gehört es, ein repräsentatives Bild der Zuschauerreaktionen zu zeigen, aber auch, diese Reaktionen im Wort des Kommentators erkennbar zu machen. Dabei ist die Entscheidung darüber, was zur Reaktion des Publikums gehört und was nicht offenbar höchst brisant. So ist von den beiden Autoren auch die Rede davon, die „Loyalität [könne] [...] die loyalen Fernsehsender für die nicht im Drehbuch stehenden Aspekte der Spektakel, die sie übertragen, blind machen." (Dayan, Katz 1987: 420) Damit sind vor allen Dingen störende oder die gesamte Veranstaltung bedrohende Vorkommnisse gemeint. Von den Fernsehmachern wird scheinbar meist der von den Organisatoren des Ereignisses intendierte Rahmen beibehalten, gleichwohl beschützt. Gegenläufige Äußerungen, z.B. Proteste gegen die Veranstaltung, gehören für die Sender, und damit auch für die Definition von Medienereignissen, in die Nachrichten.

Es gibt Beispiele für Darstellungen von Ereignissen im Fernsehen, die dem Erlebnis am TV-Gerät die Wahrhaftigkeit nahmen, wie bei einem Polen-Besuch des Papstes zu Zeiten des Kalten Krieges, als die lokalen Fernsehanstalten die Publikumsreaktionen durch Bildregie und Kommentar herunterspielten, was zu einer „Verwischung der Definition des Ereignisses als Wiedervereinigung zwischen einem Volk und dem Repräsentanten des geistigen Erbes" (ebd.: 418) führte.

Laut den Autoren von „Medienereignisse" will auch die Feierlichkeit eines Ereignisses definiert sein. So könne offenbar ein fehlender Kommentar bei ambigen (mehrdeutigen) zu übertragenden Ereignissen der Intention der Organisatoren, eine vollständige Öffentlichkeit herzustellen, gegenüber stehen (vgl. ebd.: 419). So wie im Fall der Beisetzung des ermordeten ägyptischen Präsidents Sadat 1981, bei der, wohl auf Grund seiner diplomatischen Bemühungen gegenüber Israel, Trauer nicht für alle Beteiligten und Zuschauer das erste war, was man sich bei ihnen als gefühlsmäßig vorherrschend vorstellen muss. Während der Beerdigung schwieg der französische Kommentator jedoch. Auf die Ausgangsfrage bezogen verpasste es hier der Kommentator also vielleicht - statt verlegen die Mehrdeutigkeit der Zeremonie zu unterstreichen (vgl. ebd.: 418) - eine friedensstiftende Interpretation, welche das verstreute, Mord verachtende Publikum aus verschiedenen Gesellschaftsgruppen repräsentiert und zusammengeführt hätte.

Neben dem Moment der, scheinbar vor allem unter Weglassen, in Erscheinung gebrachten „denotative[n] Identität" (Dayan, Katz 1987: 421) werden Aspekte der zu übertragenden Veranstaltungen betont. Es geht dabei um für das Ereignis exemplarische Situationen, die auf der Bildebene hervorgehoben werden und auf der narrativen Ebene gedeutet, bzw. folgt man Dayan und Katz: „richtig interpretiert werden" (ebd.: 423), soll heißen: In einer Weise, die den Intentionen der Organisatoren entspricht.

2.2 Fernsehübertragung ist kein Journalismus

Die der Zweckbestimmung folgende Fernsehübertragung kann, um die Ausgangslage der Übertragungsteams deutlich zu machen, von der des Journalisten unterschieden werden. Während die erstere ihren festen Platz einnimmt, um von dem Ereignis so zu berichten, wie es „gedacht" ist, ist letzterer beweglich und offen, über Abweichungen zu berichten (Abb.1).

Journalist Fernsehübertragung
distanziert, beweglich rekontextualisierend
In zynischer Weise empfänglich für alle Bedeutungen Abweichungen vom Drehbuch konstituieren Information
teilnehmend, fokussiert Definition unterstützend und vermittelnd
Involviert in die offizielle Bedeutung Das Ereignis darf nicht unterbrochen werden
Abb. 1: Charakter der journalistischen und der übertragenden Arbeit bei Medienereignissen

Bei der königlichen Hochzeit in England 1981 wurde der unbedingte Wille der Organisatoren und des britischen Fernsehens offenbar, ein einheitliches Ereignis herzustellen, das in der Fernsehübertragung nur geplante Elemente enthielt. So wurden Notfallpläne für verschiedene Szenarien erstellt, wie den Tod eines Beteiligten, für die nach Eintreten dann alternative Schnittfolgen zum Zug gekommen wären. Diese hätten eine Fortsetzung der Ereigniseinheit Hochzeit ermöglicht. Solche Fernsehübertragungen markieren eine „heilige Zeit" (Dayan, Katz 1987: 428), die absolute gesellschaftliche Priorität hat. Eine Art Zeit, die das eigentlich private Fernsehen öffentlich macht und während der Arbeiten im privaten geleistet werden (vgl. ebd.: 444).

Qualitätsmaßstäbe, die bei der Fernsehübertragung eines Ereignisses angesetzt werden können, sind also:

1. Wird das Geschehen genau bestimmt?
→ Problem: Mangelnde Kompetenz der nicht-journalistischen Spezialteams bei ereignisfremden Vorkommnissen

2. Wird das Wichtige hervorgehoben?
→ Problem: Abschwächung, bzw. Verstärkungen der eigentlich geäußerten Botschaften

3. Wird es geschafft, das eigentliche Geschehen abzuschotten?
→ Problem: Willkürlichkeit mit der die Grenze um das Ereignis gezogen werden kann.

Im Detail zeigen die Autoren von „Medienereignisse" auch Probleme auf, die bei einer so orientierten Fernsehübertragung aufkommen, bei der das Fernsehen den Organisatoren in erster Linie „treu" (ebd.: 415) ist. Doch insgesamt sind ihre Ausführungen in diesem Punkt der Definition des Ereignisses eher deskriptiv als kritisch. In der weiteren Ausführung folgt dann ein Theoriengebilde zu den Mitteln, die das Fernsehen benutzt, um dem Zuschauer das Gefühl zu vermitteln, ein hochwertiges Erlebnis geboten zu bekommen, bei dem er „dabei" (ebd.: 432) sein kann, ohne „dort gewesen zu sein" (ebd.: 441).

2.3 Die Trickkiste der Fernsehmacher

Mit der Fernsehübertragung, im Gegensatz zu den Zutrittsbedingungen beim Ereignis selbst [2], geht eigentlich eine ganzheitliche Übersicht über das Ereignis einher. Doch machen Katz und Dayan darauf aufmerksam, dass die Fernsehmacher darin eine schlechte Eigenschaft erkennen, nämlich die des Fernseherlebnisses als Spektakel [3]. Deshalb werden Reporter eingesetzt, die nur Teilperspektiven haben, um dem Ereignis wieder die „Aura", „archaische Dimension" und „Tiefe" (Dayan, Katz 1987: 437) eines Festivals zu verleihen. Außerdem zeigen die Autoren ein weiteres Moment auf, das Attraktion schaffen soll: Die Herstellung von Nähe, z.B. durch eine Rahmenberichterstattung aus einem heimeligen Setting oder das Anpreisen von Souvenirs zur Veranstaltung [4].

Das Fernsehen ist mitunter bemüht, so sehen es Dayan und Katz, durch eine Neuerschaffung des Hintergrundes die Kontrolle über das Ereignis zu erlangen. Dies geht einher mit einer Differenzierung der einzelnen Fernsehsender unter dem Zeichen einer „liturgischen Unterbrechung der Alltagsgeschäfte" (ebd.: 442ff). Insgesamt führe das Ereignis, wie die Fernsehübertragung des selbigen, den Konsumenten in einen Schwellenzustand, in dem Altes und Neues nicht mehr zählen.

Das Wesen der Fernsehübertragungen hat sich sicherlich, seit der Aufsatz 1987 geschrieben wurde, geändert. So sind vor allen Dingen neue Fernsehsender auf den Markt gekommen, die durchaus eine journalistische Sichtweise auf die übertragenen Ereignisse anbieten. Doch auch wenn das Beispiel der königlichen Hochzeit für manche Länder fremd sein mag, ist es unschwer vorstellbar, dass die BBC solche Ereignisse weiterhin so erzählt, wie sie „gedacht" sind, auf anderen Kanälen aber ein weiterer Rahmen um die Protagonisten gewählt wird.


3. Über die Struktur des Fernsehens auf der Welt

Dieser Teil der Arbeit will versuchen, die Rahmenbedingungen unter denen Fernsehen gesendet wird zu umreißen. Dazu wird die Welt hier in Regionen aufgeteilt (vgl. Smith 1998, Commonwealth of Australia 2004, CIA 2005), zu denen, teilweise unter Berücksichtigung der jeweiligen Geschichte, ein kurzer Überblick über die Strukturen gegeben wird.

3.1 Nord-Amerika

In den U.S.A. besteht ein Fernsehsender heute am besten, wenn er sich einem der 5 großen „Networks" anschließt (NBC, ABC, CBS, FOX, und PBS), von denen die drei größten 1995 jede etwa 200 Fernsehstationen vereinigten, die zusammen 60% des nationalen Programms sendeten. Ursprünglich war die Senderstruktur dezentralisiert und lokal orientiert. US-amerikanische Medienkontrolle, in diesem Fall Rundfunkkontrolle, kann im Gegensatz z.B. zu Europa, als „laissez-faire" (Brown 1998: 147) betrachtet werden. Fernsehen in den U.S.A. wird überwiegend über Kabelnetze verteilt (vgl. ebd.: 147ff.).

In Kanada ist Fernsehen per Gesetz zur Herstellung einer „collective identity" bestimmt. Es soll die sprachliche Dualität und multikulturelle Belange beachten und repräsentieren. Im Gegensatz zum Nachbarn U.S.A. gibt es eine ausgeprägte Rundfunkkontrolle, die sich beispielsweise in der Vorschrift, dass Fernsehstationen nur zu höchstens 33% von Ausländern besessen werden dürfen, niederschlägt (vgl. Roboy 1998: 162ff).

3.2 Lateinamerika

In Lateinamerika war das Fernsehen nach der Einführung in den 1950er Jahren gekennzeichnet durch eine „geringe Penetration der Empfänger" (Waisbord 1998: 254), eingeschränkte Sendezeiten und Dominanz von US-Importen. In den 1980er Jahren boomt der Fernsehmarkt allerdings, auf dem 50-60% der Werbeetats ausgegeben werden, während gleichzeitig die Wirtschaft in der Krise steckt und die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. In den achtziger Jahren steigt die Zahl der Fernsehstationen von 400 auf 1500 an. Heute ist die Fernsehlandschaft weiter durch ein Ansteigen der Sendezeit gekennzeichnet, was auf die Entwicklung des Kabel- und Satellitenfernsehens zurückzuführen ist (vgl. ebd.: 254ff).

3.3 Die arabischsprachigen Länder

In den arabischsprachigen Ländern ist die TV-Struktur historisch durch das Einspeisen der Programme aus dem Ausland gekennzeichnet. So wurde auch der Anfang von einer französischen Firma gemacht, die als erste Fernsehprogramme in Französisch und Arabisch sendete. Das vielerorts von der Regierung zensierte nationale Fernsehen musste sein Programm nach der Verbreitung des Satellitenfernsehens verbessern, da die Bevölkerung den Vergleich zu freien Medien hatte. Außerdem haben auch die armen Länder erkannt, dass das Medium Fernsehen ein essentielles politisches und entwicklungstechnisches Werkzeug ist (vgl. Boyd 1998: 182ff). Die BBC hatte 1994 einen Multimillionen-Dollar Vertrag über die Ausstrahlung arabischsprachiger Nachrichten mit einem Pay-TV Betreiber, der jedoch 18 Monate später abrupt endete, nachdem man Sendungen brachte, die der Saudi-Arabischen Regierung zu negativ erschienen. Von dem Zusammenbruch von „BBC Arabic TV" profitierte direkt der 1996 gestartete Sender Al-Jazeera, der einige der Journalisten einstellte und seinen Nachrichtenstil selbst eine Adaption der BBC nennt, in seiner Akkuratesse und Geradlinigkeit. Der arabische Fernsehzuschauer ist heute von vielen Satellitenprogramm-Anbietern hart umkämpft [5]. Auch englisch-sprachige Kanäle sind und werden eingerichtet um dem internationalen Publikum eine andere Perspektive als die der US-amerikanischen und britischen Networks anzubieten (vgl. Fachot 2003b: 21).

3.4 Asien (ohne arabischsprachige Länder)

In Japan kann seit den 80er Jahren fast jeder Einwohner fünf Fernsehkanäle über Antenne empfangen (zwei öffentliche und drei private). Die erste Satellitenübertragung sollte 1963 eine Grußbotschaft von John F. Kennedy werden, doch wurde er am Tag davor erschossen und die schlechte Nachricht ersetzte die mit Spannung erwartete Übertragung. Seit den frühen 1970ern kann man im japanischen Fernsehen regelmäßige Satellitenübertragungen aus allen Teilen der Welt sehen. (vgl. Kato 1998: 169ff)

In Südasien (Pakistan, Bangladesch, Indien, Sri Lanka und Nepal), halfen die UNESCO und private Investoren (Ford Foundation) ab 1959 ein Fernsehprogramm zu Bildungszwecken aufzubauen. Bis in die Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts war Fernsehen in Besitz der jeweiligen Staaten. 1992 erreichte das Fernsehen, außer in Nepal, die meisten Einwohner (1996 waren es 86%), wurde jedoch überwiegend zum Vorteil der herrschenden politischen Parteien benutzt. Durch das Satellitenfernsehen folgte eine Öffnung der Fernsehlandschaft. (vgl. Thomas 1998: 201ff)

Verbreitungstechnisch ist das Fernsehsystem in China kaum noch überschaubar, betrachtet man die vielen Kabelsysteme, die ohne staatliche Kontrolle wachsen. Vom Programm her ist das chinesische Fernsehen von einer Entscheidung aus dem Jahre 1983 geprägt, nach der alle vier Regierungsebenen ihre eigenen TV-Stationen aufbauen sollten. Dies führte zu einer Zunahme der Regionalität. Dem gegenüber steht China Central Telvision (CCTV). Insgesamt teilt sich das Fernsehen laut Medienwissenschaftler Zhao Bin in die Funktionen als Propagandamaschine, Hersteller von Unterhaltung, Träger von Sozialverantwortung und Service für die Bevölkerung auf (vgl. Bin 1998: 247ff). In Hongkong gab es bis zur Wiedervereinigung mit China ein von der Kolonialherrschaft geprägtes (zügelloses) Streben nach Profit. In Taiwan gibt es gemischte Besitzverhältnisse der Fernsehsender mit dem nicht ganz durchgesetzten staatlichen Anspruch von Kontrolle über die Finanzen, das Programm und Personalentscheidungen. (vgl. ebd.)

3.5 Australien

In Australien gibt es ein duales Fernsehsystem, d.h. öffentlich-rechtliches Fernsehen und privatwirtschaftlich finanziertes Fernsehen laufen nebeneinander. Das Lizenzsystem des Landes hielt die kommerziellen Sender bis in die 1990er Jahre davon ab ganz Australien zu erreichen, bis eine neue Verordnung kam (vgl. Jacka, Johnson 1998: 208ff).

3.6 Afrika (ohne arabischsprachige Länder)

In der so genannten dritten Welt Afrikas ist Fernsehen rar und, wenn vorhanden, als Resultat der Nachfrage des Volks anzusehen. Da es heute eine Überangebot von Satellitenkpazitäten gibt können sich fast alle diese Länder Sende- und Empfangsstationen leisten, die das Programm dann in Kabelnetzwerke einspeisen, die mindestens die nähere Umgebung erreichen. (vgl. Berwanger 1998: 234ff)

3.7 Europa

Fernsehen ist in europäischen Ländern von einem dualen System mit, vor allen Dingen im Westen, erfolgreichen öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern geprägt. So war 1998 in über der Hälfte der Länder ein öffentlich-rechtlicher Sender der meist gesehene; im Westen in 11 von 19 (58%), im Osten in 7 von 15 Ländern (47%) (vgl. IP 1999: 17-18). Die achtziger und neunziger Jahre brachten hier jedoch ein Umbruch mit sich, in Form allgemeiner Deregulierungs- und Privatisierungstendenzen (vgl. Syvertsen, Skogerbø 1998: 224). Heute gibt es in Europa eine Diskussion über Auswirkungen und Umgang von und mit Medienimperien und -imperialisten, gerade wenn sie, wie im Fall von Silvio Berlusconi, mit der Politik verstrickt sind (vgl. Reporters sans frontiers 2004: 2).

4. Zentralisierung bei Bild- und Tonregie – aber nicht beim Kommentar

Wieviele Fernsehsender ein wichtiges, großes oder einfach gut anzusehendes Ereignis zu einem Medienereignis machen, ist unterschiedlich. So kann man vielleicht zwischen regionalen, nationalen, internationalen und kulturellen Reichweiten unterscheiden. Während Karnevalsveranstaltungen aus dem Rheinland vor allen Dingen auf den regionalen Fernsehsendern übertragen werden, wenn auch mit nationaler Reichweite, findet man andere Ereignisse in den ersten Programmen, wie die Eröffnung des Holocaust-Mahnmals. Andere zeitnahe Beispiele für internationale Medienereignisse sind die Beerdingungen von Yassir Arafat und Johannes Paul II, während die Wahl des neuen Papstes wohl vor allen Dingen im christlich geprägten Kulturkreis Beachtung fanden.

Während solcher Ereignisse werden zeitweise in vielen Ländern und auf vielen Sendern dieselben Live-Bilder und derselbe Live-Ton ausgestrahlt. Technisch und philosophisch betrachtet kann man für diese Zeit vielleicht von einem großen (Welt-)Fernsehsender sprechen. Mit einer Einschränkung: Kommentar und Rahmenberichterstattung sind in allen Ländern und Sendern verschieden. CNN und andere Sender mit großer Reichweite arbeiten in Richtung einer grenzüberschreitenden Definition und Interpretation der Ereignisse. Sogar mit Programmen in unterschiedlichen Sprachen. Dies sind jedoch keine Sender, die in allen Sprachen denselben Kommentar abgeben [6]. Zur Frage, warum es keinen solchen Sender gibt, werden hier mehrere Antworten gefunden:

1. Wegen der historisch verwurzelten nationalen Medienkontrolle gibt es keine Strukturen dafür, auch wenn die politischen Beschränkungen für grenzüberschreitendes Fernsehen schon 1990 erkennbar weniger wurden (vgl. Negrine, Papathanassopoulos 1990).

2. Die im zweiten Kapitel beschriebenen Definitionen und Interpretationen der Geschehnisse wollen in einen kulturellen Kontext eingeordnet werden. So kann man sich schwer vorstellen, dass zwei unwohl gesonnene Parteien mit dem Kommentar der Gegenseite zufrieden wären.

3. Die Kommentatoren würden eine Bekanntheit und Macht über die Interpretation der Ereignisse erlangen, wie man sie bisher vielleicht nur von Politikern kennt. Schon heute gibt es unter der Bezeichnung „CNN effect" die Einschätzung, dass die Medien zuweilen politische Ergebnisse beeinflussen (vgl. Fachot 2003a).

Das von Dayan und Katz beschriebene Diaspora-Moment hat wohl Abstufungen, z.B. in wie weit das Fernseherlebnis in den unterschiedlichen Ländern und Kanälen noch vergleichbar ist. Nur die gleiche Bild- und Ton-Regie führt wahrscheinlich zu einer Konstruktion der Wirklichkeit mit weniger gemeinsamen Elementen, als wenn noch ein vergleichbarer definitorischer und interpretierender Kommentar hinzukommt. Sieht man das Publikum als „die Feiernden vorm Fernseher" (Dayan, Katz 1987: 450) an, so liegt es nahe, dass die Zuschauer, auf Grund ihrer dem Ereignis wohl gesonnenen Grundeinstellung, einen ähnlichen Eindruck des Gesehenen bekommen. Zieht man jedoch das im gleichen Aufsatz erwähnte Beispiel der Beerdigung Sadats heran, so ist es dort ein Zusammenführen in mehrere Richtungen und Lager. Auch deshalb ist es verständlich, dass die Autoren ihre Diaspora-Theorie als Frage formulieren. Spielt das (Welt-)Fernsehen nach den Regeln, die Dayan und Katz quasi aufgestellt haben, d.h. liefert es das ab, was die Organisatoren des Medienereignis-Kerns sich gedacht haben, so kann der Umfang der „verstreuten Gemeinschaft" (ebd.: 452) der erreicht wird, obwohl sie sich durch unterschiedliche Sprachen und Kulturen auszeichnet, wohl ein großer sein. Der Umkehrschluss ist, dass inhaltlich tendenziell von den Organisatoren unabhängige Fernsehübertragungen zu einem differenzierteren Publikum führen.

Der erste Eindruck, den man von Dayan und Katz' Aufsatz bekommt, kann der eines engen Spielraumes der Fernsehteams sein, die an der Übertragung arbeiten. Vielleicht ist mit der oben stehenden Schlussfolgerung im Zusammenhang mit der von den Teams gewählten Lösung der Spannung, die hier in der Größe von Reichweite und an der Übertragung beteiligtem Team, im Gegensatz zur Größe des Ereignisses und des Publikums gesehen wird, eine Lanze für die „obrigkeitshörigen" Fernsehmacher gebrochen,. Auf den Anteil des behandelten Textes von Daniel Dayan und Elihu Katz, der sich mit den Nebenwirkungen einer solch gehorsamen Haltung beschäftigt, nämlich was mit dem Ereignis durch die Fernsehübertragung geschieht, wurde hier nur am Rande eingegangen. Es wurde sich auf den technischen Teil des Diaspora-Moments konzentriert.

Entstanden fuer Grundkurs II Journalistik an der Universitaet Hamburg

Literaturverzeichnis

1. Berwanger, Dietrich (1998): The Third World, in: Smith, Anthony (Hg.): Television: an international history, Oxford: Oxford University Press, 234ff.

2. Bin, Zhao (1998): Greater China, in: Smith, Anthony (Hg.): Television: an international history, Oxford: Oxford University Press, 247ff.

3. Boyd, Douglas (1998): The Arab World, in: Smith, Anthony (Hg.): Television: an international history, Oxford: Oxford University Press, 182ff.

4. Brown, Les (1998): The American Networks, in: Smith, Anthony (Hg.): Television: an international history, Oxford: Oxford University Press, 147ff.

5. CIA (2005): The World Fact Book, [http://www.cia.gov/cia/publications/factbook/, gefunden am 16.5.2005].

6. Commonwealth of Australia (2004): List of Developing Countries as Declared by the Minister for Foreign Affairs, [http://www.ausaid.gov.au/ngos/display.cfm?sectionref=2789411849, gefunden am 16.5.2005].

7. Dayan, Daniel/Elihu Katz (2002): Medienereignisse, In: Grundlagentexte zur Fernsehwissenschaft: Theorie – Geschichte – Analyse, Adelmann, Ralf/Jan O. Hesse/Judith Keilbach (Hg.), Konstanz: UVK-Verlag. S. 413-453.

8. Fachot, Morand (2003a): Uneasy Bedfellows, 2003, 12, 8-11, [http://www.ebu.ch/CMSimages/en/online_12_censure_guerre_tcm6-4112.pdf, gefunden am 16.5.2005].

9. Fachot, Morand (2003b): Winning Arab hearts and minds, in: Diffusion online, 2003, 12, 19-21, [http://www.ebu.ch/CMSimages/en/online_12_censure_guerre_tcm6-4112.pdf, gefunden am 16.5.2005]

10. IP Deutschland GmbH (1999): Television 99, Köln: CMI

11. Jacka, Elizabeth, Johnson, Lesley (1998): Australia, in: Smith, Anthony (Hg.): Television: an international history, Oxford: Oxford University Press, 208ff.

12. Kato, Hidetoshi (1998): Japan, in: Smith, Anthony (Hg.): Television: an international history, Oxford: Oxford University Press, 169ff.

13. Negrine, Ralph; Papathanassopoulos, S. (1990): The internationalisation of television, London [u.a.]: Pinter Publishers.

14. Reporters sans frontier: 2003 Europe Annual Report [http://www.rsf.org/rubrique.php3?id_rubrique=332, gefunden am 21.5.2005].

15. Raboy, Marc (1998): Canada, in: Smith, Anthony (Hg.): Television: an international history, Oxford: Oxford University Press, 162ff.

16. Skogerbø, Eli/Trine Syvertsen (1998): Scandinavia, Netherlands, and Belgium, in: Smith, Anthony (Hg.): Television: an international history, Oxford: Oxford University Press, 223ff.

17. Smith, Anthony (Hg.) (1998): Television: an international history, Oxford: Oxford University Press.

18. Thomas, Pradip N. (1998): South Asia, in: Smith, Anthony (Hg.): Television: an international history, Oxford: Oxford University Press, 201ff.

19. Waisbord, Silvio (1998): Latin America, in: Smith, Anthony (Hg.): Television: an international history, Oxford: Oxford University Press, 254ff.

Liegt in der gleichzeitigen Übertragung von Ereignissen in verschiedenen Ländern und Kanälen das Potenzial eines Weltfernsehsenders? Zu dieser Frage hier ein Text: "Zum Wesen von Medienereignissen".