Nur das Ich sei dabei real, und das alles andere außer den bewussten Gedanken zur bloßen Vorstellung wird, denkt man in der philosophischen Spielart des Solipsimus - so steht es im Wörterbuch. 'Ja, aber', sagt man sich da und ist schon auf Reisen zwischen Realität und Wirklichkeit, auf der Suche nach Argumenten dafür, dass die Erfindung dieses Gedankens doch jemand anderen gehören.
 
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Zieht man eine andere Landkarte des Wissens heran, die Brockhaus-Encyclopädie, findet man schon Entwarnung. "In der analytischen Philosophie wurde der Solipsismus zu den selbstwidersprüchlichen und damit sinnlosen Aussagen gezählt", heisst es dort am Ende des Eintrags. Doch werden vorher bakannte Namen wie Johann Gottlieb Fichte und Rene Descartes zu Sympathisanten dieser Aussage gezählt. Die Frage nach dem Gewicht dieser Idee ebbt nicht ab.
 
Als erstes kann man aus dieser Formel des Allein-seins-auf-der Welt, die es bis ins Lexikon geschafft hat, entziffern, dass die Welt ein Konstrukt ist. Folgt man dem einen oder anderen Verweis sieht man ihn dann auch schon vor sich auftürmen: den Konstruktivismus, dessen Pfade ungleich mehr Möglichkeiten zum Ausgucken bieten, als der wohldefinierte Hang hinauf zum Solipsismus. Jemand der - um in dem Bild des Bergsteigens zu bleiben - den Konstruktivismus erklommen hat, ist Bernhard Pörksen. Er kann vielleicht beschreiben, wie der Solipsimus von dort aus aussieht:
 
"Wie betrachtet der Konstruktivismus den Solipsimsus?", wiederholt Pörksen die Frage, "Hier wäre die Antwort nach der Perspektive des klassischen Konstruktivismus folgende: Es gibt eine Extremposition, der Realismus, der besagt: 'wir können - zumindest prinzipiell - die Dinge in ihrem wirklichen So Sein auf der Leinwand unseres Bewusstseins spiegeln, wir können sie abbilden, erkennen so wie sie wirklich sind'."
 
Auf der einen Seite also der Realismus.
 
"Und dann gibt es eine andere Extremposition, das ist eben der Solipsismus der sagt: 'alles ist schimäres Produkt des eigenen Geistes, nichts ist wirklich, alles ist nur Einbildung'."
Auf der anderen der Solipsimus. Und zwischen diesen beiden Extrempositionen sei der Konstruktivismus beheimatet. Dazu Pörksen: "Es gibt eine Außenwelt - nein, man muss eigentlich vorsichtiger formulieren: Wir können über eine Außenwelt die es vielleicht, eventuell gibt, nichts mit Gewißheit aussagen. Wir haben nur unsere eigenen Konstruktionen zur Verfügung..."
 
Es gibt vielleicht eine Außenwelt? Das klingt doch eigentlich recht ähnlich wie der Solipsimus.
 
" ...aber es ist sinnlose Spekulation so zu tun, als liesse sich mit Gewissheit, und eben das tut ja der Solipsist, die Existenz einer Außenwelt in Zweifel ziehen. Als liesse sich mit Gewissheit, mit der gleichen Emphase des extremen Realismus, diese Außenwelt gewissermassen wegkürzen und leugnen..."
 
Es geht also um die Gewissheit.
 
" ... und hier nimmt derr Konstruktivismus eine sehr viel vorsichtigere, sehr viel fragilere Position ein: Über die Existenz einer Beobachterunabhängigen Außenwelt, eines Ding-an-sich im Sinne von Kant, kann man nur spekulieren. Was wir wissen sind Konstruktionen die wir zur Verfügung haben und die können wir aus einer genuin konstruktivistischen Perspektive untersuchen."
 
Hier schlägt der Autor dieser Reportage ein erstes Basislager auf und rekapituliert: Wäre er der Erfinder des Solipsismus, so müsste er mit einiger Gewissheit davon ausgehen, dass dem so ist.
Dies tut er nicht!
Tut dies überhaupt jemand?
 
"Nein, ich glaube es gibt so gut wie gar keine Solipsisten." sagt Pörksen, "Die meisten Menschen sind Realisten. Sie glauben dass das Wirkliche in der Form in der sie es vor sich sehen, in der sie es wahrnehmen, so da ist. Der Solipsismus ist eine absolut minuritäre Position. Er besagt ja, dass 'ich' nur eine letzte Gewissheit habe, dass ich selbst da bin, dass ich selbst erkenne, und dass alles ausserhalb von mir schimäres Produkt des eigenen Geists ist. Und diese Position wird kaum ernsthaft vertreten."
 
Wahrscheinlich gibt es noch nicht einmal viele Menschen die daran heimlich glauben?
 
"Ja, ich wüsste nicht wer den Solipsismus ernsthaft vertritt. Ich bin noch nie einem Solipsisten begegnet, außer in der philosophischen Literatur. Ich würde nicht sehen, dass es so eine Position des heimlichen Solipsismus gibt, in der der fundamentalzweifel praktiziert wird. Der ist ja schon aus rein praktischen Überlegungen im Alltag gar nicht möglich, gar nicht denkbar."
 
Der Autor dieser Reportage hat das Buch "Die Gewissheit der Ungewissheit - Gespräche über den Konstruktivismus" von Herrn Pörksen gelesen. Dort hat er gelernt, dass - gemäss der Funktionsweise des Gehirns - der Mensch nichts über die Welt wissen kann. Aber woher weiss er denn, dass es in dieser Welt, über die man nichts wissen kann, keinen doppelten Boden gibt, wie ihn etwa der Solipsismus postuliert?
 
"Sehen sie, sie haben da ein terminologisches Problem", erfährt der Autor nun. "Die Tatsache, dass ich nichts über die absolute Realität sagen kann, heisst doch nicht; dass ich nichts sagen kann. Wir sitzen beide hier, wir unterhalten uns, wir führen ein Interview. Darüber können wir uns sehr wohl austauschen. Aber es geht doch in der Abwehr von der Wirklichkeit, der Wahrheit, um die Sphäre des Absoluten. Also sie müssen unterscheiden zwischen dem was wir Konsens, Intersubjektivität, Vereinbarung nennen und dem was die absolute Realität ausmacht. Der Konstruktivismus sagt und darin ist ja schon etwas selbstwidersprüchlich: absolute Realität ist unerkennbar. Aber er sagt auch und dies zu leugnen wäre absurder Solipsismus, dummer Solipsimus: Wir haben in unserer Erfahrungswelt selbstverständlich Stabilitäten, mit denen wir umgehen, so als wären sie Wahrheiten, so als wären sie letzte Gewissheiten. Und diese Gewissheiten muss man eben etwas undramatischer bezeichnen. Es handelt sich um Konsensbildung, um Vereinbarung, um Konstruktion.
 
Etwas undramatischer muss man vielleicht auch das Genre der Reportage fassen, wenn man diesen Beitrag hier als eine solche sehen will. Wo ist der Subjektive Eindruck, welche Geschichte wird hier erzählt? Es ist die Geschichte, wie der Autor über den Solipsimus stolpert. Der Sujektive Eindruck: Diese Idee will widerlegt werden. Doch kann man sie widerlegen? Hilfestellungsgesuch bei Bernhard Pörksen: Ist vielleicht alles nur konstruiert, oder wo fängt die triviale unleugbare Realität an?
 
"Das wüsste ich auch gern", er denkt kurz nach, "Die Behauptung alles ist Konstruktion kann ja auch eine Form der Realitätsbehauptung sein, die man in einem konsequent ausbuchstabierten Konstruktivismus so nicht machen kann." Und das was der Autor die triviale unleugbare Realität nennt? " Wo zeigt sich die: wüsst' nicht. Wo wäre die zugänglich, wüsste ich auch nicht. Wo wäre der Moment an dem sich die Welt in ihrem So Sein gewissermassen bemerkbar macht? Wo wäre die Entscheidbarkeit zu sagen, das ist die Welt in ihrem So Sein die sich hier bemerkbar macht? Was mir allein zur Verfügung steht ist meine eigene Erfahrungs- und Lebenswirklichkeit. Dieses so genannte ist immer ein innerhalb meiner Lebenswelt."
 
Aber wenn mir jemand zum Beispiel sagt, die Alster ist zugefroren und ich gehe dann dort hin und breche nicht ein, fragt sich und Herrn Pörksen der Autor, dann ist das doch vielleicht unleugbare Realität?
 
Die Antwort ist spätestens jetzt nicht mehr überraschend: "Nein", es sei die Erfahrungsrealität das einem gesagt wurde, die Alster ist zugefroren, dann ist man dort hingegangen, und hat innerhalb der eigenen Erfahrungswirklichkeit überprüft, ob das was man die Alster nennt, zugefroren ist, ob man die gleiche Erfahrung einer Tragfähigkeit des Eises machen kann. wie derjenige, der davon berichtet hat. "Also was stattgefunden hat, würde man klassisch keinen objektiven Beweis, einen wahreitsemphatischen Beweis, der Tatsachem dass die Alster zugefroren ist, nennen, sondern eine intersubjektive Härtung. Sie und ich oder ich und ein anderer sind beide auf Grund unserer Erfahrung und innerhalb unserer Lebenswirklichkeit mit unseren Mitteln zu dem Schluss gelangt, dass die Alster zugefroren ist. Ob dieses Zugefrorensein einer absoluten Wirklichkeit entspricht, ob es in Korrespondenzverhältnis zu dem Schluss steht, dass die Alster zugefroren ist, wie es die alte Wahrheitsidee ja vorsieht, darüber lässt sich Beobachterabhängig in einem strengen Sinne überhaupt keine Aussage machen, es wäre eine Metaphysische Spekulation, diese Aussage zu treffen.
 
Apropos Metaphysische Spekulation: Sind religiöse Realisten?
 
"Schwierige Frage ... kann man so pauschal nicht beantworten. Ich denke, dass in der Sphäre des religiösen alle Formen vorkommen. Also wir haben die Extremform die sagt, ich weiss was Gott will und ich kann seinen Willen erkennen und ich bin der Vollstrecker seines Willens. Das wäre fundamentalistischer Realismus. Wir haben aber auch den Umgang mit religiösen Wirklichkeiten, wie ihn etwa Mystiker pflegen. Die sagen: 'Gott ist das ganz andere, das unerkennbare, die nicht mit meinen bescheidenen Begriffen einholbare Realität. Und hier finden Sie ein Reden über religiöse, göttliche Wirklichkeit, die der konstruktivistischen Redensweise - das hat mich öfter irritiert, will ich ehrlich sagen - ähnlich ist. Also in so fern kann man nicht pauschal über die religiöse Wirklichkeit von Religiösen urteilen. Und ich möchte auch da sagen, da gibt es alle möglichen Positionen, vom extremen Realismus bis hin zu aggressiven Fundamentalismus auf der einen Seite oder auf der Seite des anderen Extrems geradezu eine Beschwörung des Unerkennbaren: Die Rolle des Mystikers."
 
Die Hörversion dieses eigentlich als Audio-Beitrag zu einem Reportage-Seminar erstellten Interviews ist leider verschollen.