Habt ihr nicht von jenem Sozialhilfeempfänger gehört, der am hellen Vormittage sein Handy ausstellte, in den Supermarkt lief und unaufhörlich schrie: »Ich suche Berufung! Ich suche Berufung!« - Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Berufung glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist sie denn verlorengegangen? Sagte der eine. Hat sie sich denn verlaufen wie ein Kind? Sagte der andere. Oder hält sie sich versteckt? Fürchtet sie sich vor uns? Ist sie zu Schiff gegangen? Abgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander.

Der Sozialhilfeempfänger sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. »Wohin ist die Berufung?« rief er »ich will es euch sagen! Wir haben sie verarbeitet – ihr und ich! Wir alle sind ihre Verarbeiter! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir den Arbeitsmarkt zu sättigen? Wer gab uns die Maschinen, um den Acker alleine ackern zu lassen? Was taten wir als wir diese Kartoffeln von der Arbeit losketteten? Wohin entwickeln sie sich nun? Wohin entwickeln wir uns? Fort von aller Arbeit? Lesen wir nicht Fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts alle Stellenanzeigen?

Gibt es überhaupt noch einen ersten Arbeitsmarkt? Irren wir nicht, wie mit einer unendlichen Subvention? Haucht uns nicht die gähnende Langeweile an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen wir nicht unsere Handys schon am Vormittage ausstellen? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Kohlebagger, welche die Arbeit begraben? Riechen wir noch nichts von den arbeitenden Alkoholikern? – auch Arbeiter werden zu Alkoholikern! Die Berufung ist verarbeitet! Die Berufung bleibt verarbeitet! Und wir haben sie verarbeitet!

Wie beschäftigen wir uns nun, die Verarbeiter aller Verarbeiter? Das sinnvollste und erfüllendste was unser Leben besaß, es ist in unserem Maschinenöl ersoffen – wer entsorgt dieses Öl? In welchen Deponien könnten wir es begraben? Welche ABM-Maßnahmen, welche sinnvollen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zur Berufung werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?

Es gab nie eine größere Tat – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Gesellschaft, als alle Gesellschaft bisher war!« - Hier schwieg der Sozialhilfeempfänger und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er sein Handy auf den Boden, daß es in Stücke sprang.

»Ich komme zu früh«, sagte er dann, »ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!«

Man erzählt noch, daß der Sozialhilfeempfänger desselbigen Tages in verschiedene Arbeitsämter eingedrungen sei und darin sein Die Arbeit ist getan angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: »Was sind denn diese Arbeitsämter noch, wenn nicht die Verarbeiter von keiner Arbeit?«

Frei nach Friedrich Nietzsche "Der tolle Mensch"